Das Evangelische Bildungswerk hatte Sens Söring zu Gast. Seine Geschichte ging um die Welt, über seinen Fall wurden Dokus und Spielfilme gedreht, in Helmbrechts wurde er auf der Strasse erkannt und angesprochen.

Söring, Jahrgang 1966, Sohn eines Deutschen Diplomaten, wurde 1986 verhaftet und 1990 in den USA für Doppelmord an den Eltern seiner Freundin zu zwei lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Er war 33 Jahre, 6 Monate und 25 Tage in Haft, davon auch in Todeszelle und Isolationshaft.

Am 17. Dezember 2019 kam er auf Bewährung frei und wurde nach Deutschland abgeschoben, ohne dass das Urteil aufgehoben wurde. In den Vereinigten Staaten gilt er weiterhin als verurteilt, allerdings gibt es viele Menschen, die Zweifel an der Schuld hegen.

Im Vortrag ging es jedoch nicht um Schuld oder Unschuld, nicht darum, wer spricht: ein Doppelmörder oder ein unschuldiges Opfer der US-Justiz.

Es ging über die „Rückkehr ins Leben“ wie auch sein neuestes Buch heißt:

Wie kann man nach 14 abgelehnten Begnadigungsgesuchen immer noch kämpfen?

„Frisches Gemüse essen und einen Baum berühren“, für uns alltäglich, für Söring unvergessliche Erfahrungen nach der Entlassung.

Söring, der inzwischen auch als Coach arbeitet, bringt den Begriff der Resilienz: psychische Widerstandskraft: die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu überstehen: „Wenn mein Leid für Sie einen Wert hat, dann habe ich etwas richtig gemacht“.

Akzeptanz und das Übernehmen von Verantwortung sind Säulen der Resilienz: Charaktereigenschaften, die es Menschen erlauben, mit Krisen besser fertig zu werden. Zu akzeptieren, dass man selbst verantwortlich ist, ist der Schlüssel, um sich freikämpfen zu können. „Ich musste akzeptieren, dass ich verurteilt worden war. Aber ich musste nicht akzeptieren, dass ich im Gefängnis sterben würde.“

Er spricht von Übernehmen von Verantwortung, um die Opferrolle zu verlassen und von Zielorientierung. Das Publikum ist fasziniert: wem sollte man diese Ratschläge mehr glauben, als dem, der sie als Häftling No. 179212 für sich anwandte? Hier steht kein smarter Manager, sondern derjenige, der im Laufe der einsamen Jahrzehnte Strategien entwickelte, um Ängste und Depressionen zu überwinden und eine schier überirdische Selbstdisziplin entwickelte.

„Ich entschied mich zum Kampf gegen das Fehlurteil, zum Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit“ so Söring.

Freiheit hat er erreicht: Gerechtigkeit nicht. „Daß meine Unschuld nicht anerkannt wurde: mit diesem Stigma muss ich leben. Aber ich bin niemals Opfer“.

Text: Gunther Maasberg
Bild: Jens Söring


Bericht zur Israelreise 7.-17. Juni 2022
Veranstalter: EBW Münchberg

Die Reise mit insgesamt 26 Personen im Alter zwischen 15 Jahren und 69 Jahren führte vorwiegend in den Süden Israels, in den Negev. Dieses Wagnis, die traditionellen touristischen Orte im Norden Israels nicht zu berücksichtigen, war möglich, weil ca. die Hälfte der Reisenden vor 5 Jahren eben dort im Norden das Land erkundete.


Die Wüste

a) Wüste und Religion

Schwerpunkt dieser Reise sollte die Erfahrung der Wüste sein, zum einen als Ort der ersten Liebe Gottes zu seinem Volk, als Ort, an den das Volk oder einzelne zurückkehrten, wenn sie diese erste Liebe wieder auffrischten, so u.a. auch Jesus (Mt 4). Meditationen aus dem Buch von Georg Rößler zu den drei Themen: „Der eifernde Gott“, „Der werbende Gott“ und „Der persönliche Gott“ begleiteten die Gruppe auf den Wüstenwanderungen.


b) Wüste und Nachbarschaft: Das Gaza-Dilemma

Zur Erfahrung der Wüste gehören selbstredend auch andere Bereiche. In der Nacht erreichen wir das Quartier in Ze’elim, ca. 20-30km entfernt von der Grenze zum Gazastreifen. Der erste Tag führt uns dann direkt an die Grenze zwischen Ägypten, Gaza und Israel. Der aus Argentinien eingewanderte Dario Teitelbaum zeigt der Gruppe in Kerem Schalom eine Schule, in der auch bei Raketenangriffen aus Gaza weiter unterrichtet werden kann, da die israelische Regierung dafür Sorge trägt, dass die Schule so gebaut ist, zumindest den Kassam-Raketen standzuhalten. Nein, es ist nicht schön, aber Dario sagt, dass auf israelischer Seite Kinder wenigstens Schutz erhalten, einen Steinwurf weiter haben die Kinder keinen Schutz. Dort an der Grenze ist der Rückzug der Israelis vom Sinai in den achtziger Jahren unter Menachem Begin und Sadat ebenso Thema wie der Rückzug aus Gaza im Jahr 2005. Damals in den achtziger Jahren wollte Ägypten aus gutem Grunde den Gazastreifen nicht; als Israel die jüdischen Siedler aus Gaza entfernte, wollte man die landwirtschaftlichen Gewächshäuser etc. stehen lassen. Von palästinensischer Seite wurden sie zerstört, um damit einen Sieg über Israel zu feiern. Bevor wir uns mit der Grenzsituation befassen, zeigt Dario uns die Reste einer Synagoge mit Mosaikfußboden als Hinweis darauf, dass es in dieser Gegend jüdisches Leben gegeben hat.


c) Wüste und Landwirtschaft

Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Reise war in der Wüste kennenzulernen, wie Israel diese trotz aller ungünstigen klimatischen Bedingungen für Landwirtschaft nutzt. Der Weg führt in den Moshav Talmei Yosef, zu dem salad trail. Uri Alon führt uns auf dem salad trail. In „greenhouses“ wachsen Tomaten, insbesondere Cherry-Tomaten, aber auch anderes Gemüse wird angebaut. Die Besonderheit: in einer Art Dachrinnen werden Erdbeeren, Kohlrabi, andere Kohlarten auf einer Art Kokos-Substrat angebaut. Diese „Dachrinnen“ sind auf Kopfhöhe installiert, so dass Ernte nicht im Bücken geschehen muss. Beeindruckend war die Führung einer Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt direkt neben dem Sonnenkraftwerk Ashkalim. Elisha Zurgil führte uns durch die dortige Pflanzenwelt und referierte, dass Wasser in verschiedener Weise verwendet wird: Brauchwasser, Salzwasser und Grundwasser durch Bohrungen. Jeder Dattelbaum beispielsweise erhält einen Computer, der mitteilt, wieviel Wasser dieser braucht bzw. regelt die Wasserzufuhr digital.

Im Weingut Yatir nahe der Stadt Arad wurden wir Zeugen davon, dass in der Wüste sehr guter Wein angebaut werden kann. Die Besitzerin des Weinguts führte uns durch ein kleines Sortiment der dort angebauten Weine, stand mit ihrem Weinwissen Rede und Antwort und erläuterte, warum es für ein säkulares Weingut wie das ihre wichtig ist, den Koscher-Stempel des Rabbinats zu erhalten.

d) Wüste und Beduinen

In die Spannung zwischen solcher Moderne einerseits und Traditionsbindung andererseits führte
uns der Besuch in die Beduinenstädte Rahat und Hura. Dort berichten uns arabische Beduinen
von der Schwierigkeit und der Herausforderung dieses Transformationsprozesses. Jamal
Alkirnawi, ein Sozialarbeiter, erzählt von einem Projekt mit Jugendlichen, diese bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Die ältere Generation versteht nicht, warum das sein soll. Die Aufgaben, Ziegen hüten etc. sind weggefallen, so dass für die Jugendlichen eine Leestelle bleibt. Das Projekt „A new dawn in the Negev“ versucht hier Abhilfe zu schaffen eben mit Hausaufgabenbetreuung und anderen Aktivitäten mit den Jugendlichen. Dr. Riad, Psychologe, der in Marburg studierte, führt uns durch ein
Selbsthilfeprojekt von Beduinen in Hura. Er berichtet von zahllosen Problemen mit den staatlichen Behörden. So haben Beduinen ein anderes Verständnis von Boden und Eigentum. Wo sie sind, das gehört ihnen, dort bauen sie. Regelmäßig werden diese „illegalen“ Bauten dann von behördlicher Seite abgerissen. In diesem Konflikt spiegeln sich auch die Probleme zwischen jüdischen und arabischen Israelis. Eine andere Minderheit besuchen wir in Yeruham auf dem Weg nach Arad. Shula Amar hat mit
Frauen aus Marokko, die vor vielen Jahren eingewandert sind, ein Frauenprojekt ins Leben gerufen. Shula Amar hat gesehen, dass der Ort einen Raum braucht, wo Menschen zusammenkommen können. Mit den anderen marokkanischen Frauen fängt sie an zu kochen, die Leute kommen und genießen das Essen (auch unsere Gruppe).


e) Wüste und Natur

Ein fünfter Aspekt waren in der Wüste die Wanderungen. Abgesehen von wunderbarer Landschaft (En Avdat, Krater von Mizpe Ramon, Wadi Keltvon der Keltquelle bis zum St. Georgskloster), Tier- und Pflanzenwelt, geologischen Erklärungen durch die israelische Reiseleitung ElisabethLevy waren hier jene bereits angesprochenen Texte Begleiter sowie eine biblische Verssammlung zum Thema Wasser. Jede/r hat an verschiedenen Orten einzelne Verse mit der Thematik „Wasser“ vorgelesen. In der Wüste wurde überdeutlich, was Wasser für ein Lebensquell ist und zugleich, welche Gefahr davon ausgehen kann.

Der Staat Israel

Auf der Fahrt von der Wüste Richtung Jerusalem streifen wir Sde Boker, wo der langjährige Premierminister Israels David Ben Gurion lebte, lernen dort anhand von Kurzfilmen den Weg zur Staatsgründung, die Rolle Ben Gurions, diskutieren an diesem Ort das Verhältnis zur arabischen Bevölkerung und nehmen Fäden aus der bisherigen Reise auf. So besuchten wir am zweiten Tag den Kibbuz Urim, ganz nahe von Ze’elim.

In Urim waren 1960 die ersten Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste. Sie stießen auf erhebliche Abwehr der dortigen Bevölkerung. Man beobachtete, ob sie für Landwirtschaft überhaupt tauglich waren. Als sie diese „Prüfung“ bestanden, nicht zuletzt aufgrund von persönlichen Beziehungen zwischen Leitenden von Aktion Sühnezeichen und Bewohnern von Urim, entwickelte sich ein gutes Verhältnis, ein Kennenlernen und Abtasten. Schließlich war das der Anfang nicht nur von regelmäßigen
Freiwilligendiensten bis heute, sondern war auch ein wichtiger Stein für die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland Mitte der 60er Jahre. Zwei ehemalige Freiwillige waren bei der Studienreise dabei. Die Staatsgründung ist dann noch einmal Thema in Jerusalem beim Besuch des Herzl-Museums mit seiner sehr ansprechenden Museumspädagogik.

Nicht die Staatsgründung, sondern der Staat Israel und insbesondere seine Wirtschaft ist Thema beim Vortrag von Grisha Alroi-Arloser in der deutschen Außenhandelsvertretung der Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv. Dieser hervorragende Vortrag hat auf charmante Weise einige Vorurteile
zurechtgerückt, deutlich gemacht, welche wichtige Rolle Israel in der Informationstechnologie einnimmt und Israel als das Land der Innovativen, Flexiblen und derer herausgestellt, bei denen Scheitern kein Makel ist, sondern Grund, es von Neuem auszuprobieren.


Christlich-jüdischer Dialog

Religion: Die Gruppe nimmt an Kabbalat Schabbat in einer kleinen liberalen Gemeinde in Mizpe Ramon teil. Die Vorsitzende Shoshana Dann gibt eine kurze Einführung zu dem Gottesdienst und in die Gemeinde: „Beit Elisheva is a community that prays together on Shabbat and Chagim, honoring tradition and Jewish values. Our services are egalitarian and open to the entire population of Mitzpe Ramon and its region.”
Unabhängig von dem, was die einzelnen davon verstehen, ist es auch Ziel der Reise, in Israel den
Rhythmus der Woche zu erleben, und da steht Freitagabend eben der Beginn des Schabbat. Am
Sonntag feiern wir unter freiem Himmel einen Gottesdienst zum christlichen Fest Trinitatis,
Herausforderung im Kontext der Reise, hier besonders darauf zu sehen, dass Dreieinigkeit der
Versuch ist, die Einheit des einen Gottes zu denken. In Jerusalem treffen wir auf Tamar Awraham, einer Jüdin, die versucht halachisch zu leben und sich zugleich als Feministin versteht.
Wichtig für die Teilnehmenden war, zu sehen, dass es auch innerhalb der jüdischen Orthodoxie
sehr unterschiedliche Strömungen gibt, dass orthodoxes Judentum eben nicht gleichzusetzen
ist mit ultraorthodoxem Judentum in Mea Shearim. Frau Awraham war lebendiges Beispiel für
eine moderne Frau, die sich der jüdischen Neo-Orthodoxie zurechnet, die talmudische Texte zur
rolle der Frau in Konkurrenz zu herkömmlichen Auslegungen liest und versteht.


Arabisch-christliches Projekt: Sternberg

Zu der Reise gehört ein Abstecher in die palästinensischen Gebiete, bei dieser Reise führt der Weg nach Ramallah und dort zum Sternberg. Dort unterhält die Herrnhuter Mission eine Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Handicap. Von Kindergarten bis zur Berufsschule findet sich dort alles. Ranya Karam, die Direktorin, führte uns zusammen mit dem Sozialarbeiter und einer deutschen freiwilligen über das Gelände, zeigte uns die Räumlichkeiten, dankte sehr dafür, dass wir den Besuch bei ihnen mit eingeplant haben und verwies auf die politischen Schwierigkeiten sowohl innerhalb Palästinas, aber auch auf den dauernden Konflikt mit Israel. So hängt z.B. eine Erlaubnis
in das nur wenige Kilometer entfernte Jerusalem zu fahren vielfach von der Willkür der Behörden ab.


Schluss:

Für alle Beteiligten setzt mit der Erfahrung dieser Riese ein Lernprozess ein: das Land Israel mit
anderen Augen zu sehen als das vielfach von Europa aus gesehen wird: eben in der Vielfalt und
in der Komplexität. In Israel ist nichts einfach. In der Wüste ist es heiß, die Wege verlangen
körperlich einiges ab, die Menschen passen nicht in das gezimmerte Schema, Religion ist ein
großes Thema und zugleich auch gar nicht, die christlichen Konfessionen sind auf einmal viel
umfassender als wir das aus Deutschland kennen, jüdische Orthodoxie ist genauso wenig
monolithisch wie Judentum überhaupt, im Islam verhält es sich ebenso. Eine Lösung der
politischen Konflikte ist wünschenswert, aber eben auch wesentlich komplizierter als dies oft
gedacht wird. Elisabeth Levy verabschiedete uns mit der Bitte, in Deutschland Botschafter dieses
Landes zu sein.

Auf Einladung des Evangelischen Bildungswerkes im Dekanat Münchberg kam Schwester Nicole von der Christusbruderschaft Selbitz nach Münchberg.

„Thanks for having me“ begrüßt sie ganz modern das Publikum.

Man kann sie auch als Privatdozentin Dr. Grochowina ansprechen, denn die gebürtige Hamburgerin, aktiver St. Pauli-Fan und studierte Historikerin lehrt am Institut für Kirchengeschichte der Universität Erlangen.

„Ich wollte Journalistin werden, zum Spiegel gehen und die Welt retten: aber das ist ja Gottes Job“, so Grochowina ganz persönlich. „Im 5. Semester habe ich mich verliebt: in die frühe Neuzeit.“

Doch statt Hochschul-Karriere und Uni-Laufbahn kam die ewige Profess.

Seit 13 Jahren trägt sie das Ordenskleid mit der Kordel darüber und den 3 Knoten darin. Diese stehen für Armut, Keuschheit und Gehorsam. Launig ergänzt Schwester Nicole: eigentlich müsse ein vierter Knoten ergänzt werden für Gemeinschaft, denn: „alle meine grauen Haare sind kommunitär“.

Sie bewohnt nach eigener Aussage die Zwischenräume („wo es zugig ist“) zwischen Orden und Wissenschaft, zwischen Theologie und Geschichte. Ihr youtube-Kanal heißt „Sista´s vlog“ und manchmal sagt sie Fun Fact.

Können wir aus der Geschichte lernen?

Spurensuche ist ein komplexer Vorgang und niemals Selbstzweck.

Die Vergangenheit muss in ihrem So-Sein gewürdigt werden, die Zeitgenossenschaft der Menschen ernst genommen werden. Damit verbieten sich Schnellschüsse oder markige historische Vergleiche. Die Vergangenheit ist kein Steinbruch für Fragen der Gegenwart.

„Alles Gewordene hat Geschichte“, so Grochowina. In einer globalisierten Welt ist alles irgendwie miteinander verknüpft. Und dies gilt nicht nur für Phänomene der Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. Keine Geschichte und kein Gedanke ist jemals zu Ende gesagt und gedacht.

Warum denken und glauben wir wie wir denken und glauben?

Welche Traditionen haben diese Art des Glaubens und des Denkens begünstigt?

Schwester Nicole taucht zunächst ein in die Frühe Neuzeit und macht anschließend einen Sprung über 200 Jahre in die Spätaufklärung.

Die Frühe Neuzeit ist natürlich mit der Reformation verbunden. Gleichwohl ist das reformatorische Geschehen mehr als das Engagement eines einzelnen Menschen. Es ist vielmehr ein politisches, soziales und immer auch religiöses Gefüge.

„Reformation ist Transformation“ so zitiert Grochowina den Kirchenhistoriker Volker Leppin. Denn zusammen mit der Betrachtung der spätmittelalterlichen Frömmigkeitspraxis und der Theologie müssen auch die staatsbildenden Prozesse in den Blick genommen werden. Das Verhältnis von Kaiser und Reichsständen wurde neu ausgehandelt.

Dreh und Angelpunkt ist nicht nur die politische Freiheit, sondern auch die religiöse: die volle Freiheit eines Christenmenschen!

Das Gottesbild wandelt sich: weg vom strafenden Gottesbild der mittelalterlichen Kirche hin zur Wiederentdeckung des ursprünglich biblischen Gottesbildes: der Gott, der aus Gnade seine Fürsorge schenkt und als einzige Gegenleistung den Glauben erwartet.

Dass Bauern um 1524 die Abschaffung der Leibeigenschaft forderten und damit aus dem Wissen um die innere Freiheit, um die „Freiheit eines Christenmenschen“ heraus auch die äußere Ordnung gefährdeten und letztlich durch diese Gefährdung transformierten ist eine Konsequenz dieser neuen Welt- und Gottessicht, die sich sukzessive durchsetzen sollte – und heute nicht mehr aus dem lutherischen Selbstverständnis wegzudenken ist. Diese Note des „Priestertums aller Gläubigen“, die damit einhergehende Eigenverantwortung, aber auch die dem zugrundeliegende individuelle Glaubenserfahrung der Gnade Gottes ist ein Kernelement lutherischer Identität und damit auch als eine wesentliche Wurzel heutigen Glaubens und des Denkens zu erachten.

Wie aktuell möchte man ausrufen, angesichts der sog. Partizipationskrise im 16. Jahrhundert: das Selbstbewusstsein der Laien wächst und dies hat Folgen für Glaube und Denken.

Eine Kirche der Freiheit, die das Priestertum aller Glaubenden zu ihrem wesentlichen Element erklärt hat, verweist sehr deutlich auf die Eigenverantwortung des Einzelnen.

Diese Frage der Eigenverantwortung stellt sich auch 200 Jahre später, in der sog. Spätaufklärung. Auch hier geschah Transformation. Auch dies ist das Erbe, mit dem wir heute noch unterwegs sind: „Erbe oder Hypothek?“ so stellt die Referentin in den Raum: denn gemeinhin wird der Aufklärung vorgeworfen, der erste Schritt zur Säkularisierung und damit zur Dekonstruktion allen Glaubens gewesen zu sein.

Am Beispiel des Gewitters macht Grochowina die sich wandelnden Gottesbilder deutlich.

Unwetter waren gewaltsame Ereignisse der Natur, die Rede vom strafenden Gott schien angesichts ihrer Stärke mehr als naheliegend.

Es kam die Erforschung der natürlichen Ursache von Blitz und Donner. Es kam die Domestizierung der Natur durch die Technik. Es kam der Sieg eines rationalen Weltbildes.

Gewitter waren nicht mehr die Strafe Gottes, die es zu vermeiden galt: „mit allen Kräften des Gemüths, des Verstands, des Willens und deren Sinne darauf ausgerichtet werden, Gott gehorsam zu folgen und zu fürchten um so Glückseligkeit zu erlangen.“

Ein neues Denken kehrte ein und dem Glauben fast schon den Rücken.

Schmunzelnd erläutert Dr. Grochowina, dass ausgerechnet in Ihrer Heimatstadt Hamburg an der Hauptkirche St. Jacobi 1769 der erste Blitzableiter installiert wurde.

Was bleibt am Ende übrig? fragt die Referentin: Glaube und Vernunft, sie traten mit der Veränderung der Weltbilder immer mehr in ein gegensätzliches Verhältnis. Aber es gewissermaßen das Erbe der Frühen Neuzeit, dass genau dies möglich wurde.

Vernunft und Wissenschaft hebeln den Glauben nicht aus: „Je besser man das Wirken des Universums versteht, umso näher kommt man Gott“ meinte schon Albert Einstein. Zu Forschen heißt: die Grenzen des Erforschbaren zu erreichen und mit Dingen konfrontiert zu sein, die so unwahrscheinlich sind, wie die Existenz dieser Erde.

Auch dies gehört zur Wurzel unseres heutigen Denkens, in dem der Glaube noch Anteil hat, auch wenn sich dies immer weniger in der Mitgliedschaft der Kirche widerspiegelt.

Mit langem Applaus und lebhafter Diskussion dankte das Publikum Sr. Nicole, dass sie sich im 5. Semester verliebt hat!

Zu diesem Thema sprach Pfarrer Peter Trapp in Münchberg auf Einladung des Evangelischen Bildungswerkes (EBW).

Mit seiner Familie war Peter Trapp von 2006 bis 2010 Missionar („Kradmelder Gottes“) für die Neuendettelsauer Missionsgesellschaft in Papua Neuguinea.

Ein Land „zum Weinen schön“, mit der höchsten Artenvielfalt der Welt: Teile der TV-Traumschiff-Serie wurden dort gedreht.

„Offen, freudig naiv, blauäugig und idealistisch bin ich an dieses Abenteuer herangegangen. Was ich dann dort erlebte war abenteuerlich, bunt, erschütternd und streckenweise auch sehr gefährlich“.

Papua Neuguinea war von 1884 bis 1920 Deutsche Kolonie: Deutsch Neuguinea oder „Deutsche Südsee“. Die Evangelisch-Lutherische Kirche von Papua Neuguinea (ELK PNG) feiert bald ihr 140-jähriges Gründungsjubiläum und ihren 50. Jahrestag als autonome Kirche.

„Es lebe die Vielfalt“ sprach Gott und schuf diese Insel.

Dazu gehören aber noch hunderte von Inseln, bewohnt von den unterschiedlichsten Völkern und Völkchen. An der Küste lebt ein ganz anderer Menschenschlag, als im Hochland. Es gibt 700 bis 1200 verschiedene Sprachen und fast ebensoviele voneinander weitgehend unabhängige Völker oder Stämme. „Speed 60“ das ist praktisch die Höchstgeschwindigkeit im Land. Und so rufen abends Mütter ihre Kinder heim: „aber mit speed sixty!“

Die Lutherische Kirche ist zwar die zweitgrößte nach der katholischen. Wenn Mission bedeuten würde, dass man versucht, den Anteil der Christen in einem bestimmten Land zu steigern, dann müssten die Papua bei uns missionieren und nicht umgekehrt.

Am sichersten liegen die Schiffe im Hafen, aber dafür wurden sie nicht gebaut: Mission heißt heute nicht mehr nur Gemeindeaufbau und Theologische Ausbildung, sondern vorrangig Medizinische Arbeit, Bildungs-, Frauen- und Entwicklungsarbeit.

Mission ist keine Einbahnstraße. Die zahlenmäßig kleiner werdende Christenheit im alten Europa braucht Impulse aus den jungen, wachsenden Kirchen vor allem des Südens.

Die Missionshilfe geht die Herausforderungen der Gegenwart zuversichtlich an und fasst ihr Tun wie folgt zusammen: miteinander glauben – voneinander lernen – füreinander einstehen.

Aber: funktioniert das?

Ganz offen spricht Trapp über die Grenzen seiner körperlichen und psychischen Belastbarkeit, die er oft erreicht und manchmal überschritten hat. Er ringt darum, die impulsiven Menschen am anderen Ende der Welt besser zu verstehen. Mehrfach befand er sich mit seiner Familie in Lebensgefahr: alkoholisierte Bauarbeiter oder unter Strom stehende Gartenzäune: das Tabu: „man tut einem Missionar nichts“ ist gefallen. „Ich kann ein Lied von Bewahrung singen“ so Trapp.

Ernüchternd ehrlich bestätigt er die These der modernen Entwicklungspolitik: „Schickt kein Geld mehr! Der Neo-Kolonialismus steht dem Flottmachen der Karre im Weg!“

Der Vorhang fällt und alle Fragen offen? Alles Gut? NEIN. Peter Trapp legt den Finger in die Wunde: „was nicht sein kann und doch ist“: war früher doch alles besser?

Mission hat über die Generationen eine Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes gemacht: Es gibt kein Schwarz-Weiß: das traditionelle Bild frommer Missionare in der farbigen Welt ist ebenso unscharf wie die Mission als Verbündete grausamer Kolonisation: Es bleibt schwierig: Gott sei Dank: diesen Realitäten müssen sich alle Beteiligten ehrlich stellen. Wir müssen genau hinschauen: auf Nord und Süd: auf Anspruch und Wirklichkeit.

Wenn die Weltwirtschaft morgen komplett zusammenbräche würden die meisten Niuginis (Einwohner von Papua Neuguinea) das noch nicht einmal merken. Sie würden wie jeden Tag in ihren Garten gehen, um die nötigen Nahrungsmittel zu ernten, würden mehrere Stunden im Schatten sitzen und Betelnuss kauen und hätten dabei immer noch genug zu scherzen und zu lachen.

Dieses Land ist ein üppig blühender Garten mit fischreichem Meer darum herum. Es könnte das Schlaraffenland sein, wenn nicht bestimmte Menschen es so arg zurichten würden, anstatt es zu bebauen und zu bewahren. Aber gilt das nicht alles genauso für die Erde als Ganzes?